Heileurythmie: Unterschied zwischen den Versionen
(Übertragen von Inhalten von Anthroposophie-lebensnah) |
(Neuen Text eingefügt) |
||
| Zeile 1: | Zeile 1: | ||
= Heileurythmie – von Michaela Glöckler = | = Heileurythmie – von Michaela Glöckler = | ||
Auszüge aus Büchern und Vorträgen von [[Michaela Glöckler]]; Erstveröffentlichung auf https://www.anthroposophie-lebensnah.de/home/ | Auszüge aus Büchern und Vorträgen von [[Michaela Glöckler]]; Erstveröffentlichung auf https://www.anthroposophie-lebensnah.de/home/ | ||
== ENTWICKLUNG UND WIRKWEISE DER HEIL-EURYTHMIE == | |||
''Welche Verbindungen gibt es zwischen den Lauten unserer Sprache und dem Kosmos?'' | |||
''Inwiefern können Bewegungen heilsam wirken?'' | |||
''Wie und wann entwickelte sich die Heileurythmie?'' | |||
=== ''Verhältnis von Makrokosmos und Mikrokosmos erfassen'' === | |||
In der Zeit vom 19. Oktober bis 11. November 1923 – die Arbeit ''„Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“[1]'' hatte bereits begonnen – hielt Rudolf Steiner in Dornach Vorträge mit dem Titel: ''„Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes“.[2]'' Sein Anliegen war, dass das doch eher abstrakte Konzept, das der Mensch gegenüber dem Makrokosmos ein Mikrokosmos ist, und alle Gesetzmäßigkeiten der Welt in sich birgt, möglichst konkret erfasst würde. | |||
Das Verhältnis von Makrokosmos und Mikrokosmos wird in der Eurythmie dadurch weiter konkretisiert, dass | |||
* die ''Bewegungen für die'' ''Konsonanten'' in Beziehung gesetzt werden zu den '''Fixsterngruppen''' und ihren Formen, wie sie im Tierkreis zum Ausdruck kommen. | |||
* Die ''Vokalgesten'' hingegen korrelieren mit den Planetenbewegungen und dem Charakter der einzelnen '''Planeten'''. | |||
* Hinzu kommt, dass auch die '''Tierkreisbilder''' selbst in ''spezifischen eurythmischen Gesten'' zum Ausdruck gebracht werden | |||
* ebenso wie den '''Planetenbewegungen''' als solchen ''eigene Gesten'' zugeordnet werden.[3] | |||
Diese Bewegungsangaben für die eurythmische Kunst werden durch viele Vorträge zur Kosmologie ergänzt, die Rudolf Steiner in den Jahren der Entstehung und Entwicklung der Eurythmie hielt.[4] | |||
1923 folgte vom 15. bis 18. November in den Haag der Vortragszyklus: ''„Der übersinnliche Mensch anthroposophisch erfasst“.[5]'' Auch dort kam Rudolf Steiner auf die Eurythmie zu sprechen und darauf, wie wenig die Menschen gegenwärtig noch fühlen, wie sie eigentlich beim Aussprechen von Vokalen ihr Gefühl für das, was sie sagen wollen, zum Ausdruck bringen, in den Konsonanten hingegen das jeweils konkret Sachliche, worum es geht: ''„Das Innere der Menschenseele bedeutet Vokale, Konsonanten bedeuten immer Formen.“[6]'' | |||
=== ''Von der Eurythmie zur Heil-Eurythmie'' === | |||
Die Entwicklung von der Eurythmie zur Heil-Eurythmie vollzog sich in drei Schritten, auch zeitlich gesehen. | |||
==== 1. Neue Bewegungskunst ==== | |||
Die Entwicklung der Eurythmie begann im Jahr 1912. Zunächst ging es dabei um eine neue Bewegungskunst.[7] | |||
==== 2. Pädagogische Eurythmie ==== | |||
Nach dem Ersten Weltkrieg und mit der Begründung der Waldorfschule durch ''Emil Molt (1876–1936)[8]'' kam die pädagogische Eurythmie hinzu, für die Rudolf Steiner als pädagogischer Leiter der Waldorfschule dann einen Lehrplan für die Klassen 1–12 entwarf und auch für den Vorschulbereich Hinweise gab, wie hier mit den Kindern eurythmisiert werden kann.[9] | |||
==== 3. Heil-Eurythmie bzw. Eurythmie-Therapie ==== | |||
1921 entwickelte er – angeregt durch die an der Waldorfschule tätigen Eurythmistinnen – die therapeutische bzw. Heil-Eurythmie, heute auch Eurythmie-Therapie genannt. Diese neue Therapieform stellte er dann im Ärztekurs von 1921 dar, wobei die beiden Schuleurythmistinnen die Übungen demonstrierten. Dabei betonte er wiederholt, dass die Heileurythmie nicht ohne ärztliche Indikation und Begleitung durchgeführt werden sollte.[10] | |||
=== ''Wie Bewegungen zustande kommen'' === | |||
''„Alle Bewegungen beruhen auf der inneren Wesenheit der Menschen-Organisation. Aus dieser fließt in den ersten Jahren des menschlichen Lebens die Sprache. So wie sich nun der Laut in der Sprache der Konstitution des Menschen entringt, so können bei einer wirklichen Erkenntnis dieser Konstitution Bewegungen aus dem Menschen und aus den Menschengruppen herausgeholt werden, die eine wirkliche sichtbare Sprache oder ein sichtbarer Gesang sind.“[11]'' | |||
In der Eurythmie und Heileurythmie werden nach Steiners Auffassung alle vier Wesensglieder zum Zusammenwirken aufgerufen: | |||
* Die Bewegung muss aktiv gewollt sein – d.h. '''vom Ich aus''' '''bewusst gestaltet''' werden. | |||
* '''Die astralische Organisation''' als Träger von Bewusstsein und Bewegung gibt dazu die Möglichkeit der Umsetzung. | |||
* Die Bewegungsformen hingegen sind den '''Bildebewegungen des Ätherischen''' angepasst. | |||
* Diese wiederum können '''im physischen Organismus''' Formbildung, Regeneration und Regulierungsprozesse anregen. | |||
Dabei spielt auch die funktionelle Dreigliederung des Organismus eine wichtige Rolle, da die Sprachlaute mit ihren Bewegungsformen einen jeweils spezifischen Bezug zu | |||
* den Nerven/Sinnesprozessen, | |||
* den rhythmischen Vorgängen von Herz und Lunge | |||
* und den Verdauungsprozessen im Stoffwechsel haben. | |||
Da alle Bewegungsformen jedoch solche sind, die der Ätherleib seiner Natur nach als Wachstums- und Regenerationsbewegungen realisiert, kann man auch sagen, dass Ich-Organisation, astralische Organisation und die physische Organisation sich hier heilend in den Dienst der ätherischen Organisation stellen, diese in ihren Hauptfunktionen in Form von Wachstum und Regeneration zu stärken. | |||
=== ''Die Bedeutung der Bildebewegungen'' === | |||
''Elke Neukirch'' hat in einer aussagekräftigen Studie Steiners Differenzierung der pädagogisch-hygienischen, hygienisch-eurythmischen und hygienisch-therapeutischen Arbeit zur Darstellung gebracht.[12] Studiert man die Bewegungsformen der Sprach-, Laut- und Ton-Eurythmie, und bringt diese Bewegungsformen in Verbindung mit den Bildebewegungen im Verlauf der Embryonalentwicklung, so versteht man unmittelbar einen Kernsatz aus den Vorträgen über Heileurythmie, dass nämlich jede Form eine ''„zur Ruhe gekommene Bewegung“'' sei.[13] Während die embryonalen Bildeprozesse Fließbewegungen zeigen, Aus- und Einstülpungen, Verzweigungen, aufeinander zulaufende Wachstumsbewegungen, Differenzierungsprozesse, Induktionsvorgänge und Integrationsprozesse, zeigen die definitiven anatomischen Formen die zur Ruhe gekommenen Bewegungen an. | |||
Dem Göttinger Anatom und Embryologen ''Erich Blechschmidt (1904–1992)'' ist es zu verdanken, dass man diese – von ihm ‚Bildebewegungen‘ genannten – Phänomene heute im Großformat studieren kann im Anatomischen Institut in Göttingen, wo er stark vergrößerte Modelle der verschiedenen embryonalen Entwicklungsstadien herstellen ließ – bis heute eine vielbesuchte Dauerausstellung.[14] | |||
=== ''AD 1. Grundelemente der (künstlerischen) Eurythmie'' === | |||
Während in der Gymnastik Bewegungen geübt und gepflegt werden, die sich aus der Statik und Dynamik des physischen Leibes ergeben, bedarf die eurythmische Bewegung des eingehenden Studiums der ätherischen Bildebewegungen, denen sich der physische Leib dann anzupassen hat. | |||
In der künstlerischen Eurythmie kann in Form ‚sichtbarer Sprache und sichtbaren Gesanges‘ Dichtkunst und Musik zur Darstellung kommen. Zudem gibt es auch Ausdrucksformen für charakteristische Körperhaltungen und seelische Ausdrucksweisen.[15] | |||
Jedem eurythmischen Laut sind in dem Zusammenhang drei Farbqualitäten zugeordnet, wodurch sich der seelische Ausdruck der Bewegungen weiter nuancieren lässt: | |||
* Es gibt eine Farbe für die '''Bewegung''' als solche, sie wird durch die Farbe des Eurythmiekleides zum Ausdruck gebracht. | |||
* Der Schleier, der über das Kleid geworfen wird und auch die Arme bedeckt, hat die Farbe der zugehörigen '''Gefühlsqualität'''. | |||
* Der '''willenshafte Charakter''', der Impetus, mit dem die Bewegungsform des Lautes gemacht wird, hat wiederum eine andere Farbnuance. | |||
Wer Eurythmie studiert, weiß, wie lange es dauert, bis diese verschiedenen Seelenstimmungen von Bewegung, Gefühl und Charakter eines Lautes so stark empfunden werden können, dass sie über den Bewegungsausdruck auch für den Zuschauer sichtbar werden. | |||
Zusammen mit der Bildhauerin ''Edith Maryon (1872–1924)'' gestaltete Rudolf Steiner Eurythmie-Figuren für die Hauptkonsonanten und Vokale sowie die Seelengesten und die Dur- und Mollstimmung, die diesen farbigen Dreiklang zeigen und das Studium erleichtern. | |||
=== ''AD 2. Pädagogische Eurythmie'' === | |||
In der pädagogischen Eurythmie steht die Kunst im Dienst der altersgerechten körperlichen und seelischen Entwicklung: ''„Bei der Eurhythmie strömt sich der ganze Mensch, nach Körper, Seele und Geist in Bewegung aus. Das fühlt der heranwachsende Mensch, und er erlebt diese eurhythmischen Übungen mit ganz derselben Natürlichkeit als eine Äußerung der menschlichen Natur, wie er in jüngeren Jahren das Sprechenlernen erlebt.“[16]'' | |||
''AD 3. Heileurythmie'' | |||
''„Werden die Bewegungs-Gebärden der Kunst- und pädagogischen Eurhythmie modifiziert, so dass sie aus der kranken Wesenheit des Menschen so fließen, wie die anderen aus der gesunden, so entsteht die Heil-Eurhythmie.“[17]'' | |||
Liegen Krankheitsprozesse vor, so entstehen abweichende Bildebewegungen, verstärkte, geschwächte, gestaute oder fahrige Bewegungsmuster. Praktizierende der Heileurythmie mit ausreichender Erfahrung gewinnen bereits aus dem Gangbild, aus der Art, wie der betreffende Mensch aufrecht steht und sich spontan bewegt klare Anhaltspunkte dafür, welche physiologischen Prozesse mithilfe der Heileurythmie zu regulieren sind. Dabei werden dann die indizierten Vokale, Konsonanten oder auch Ton- und Intervallbewegungen intensiv wiederholt und dadurch eine regulierende Rückwirkung auf den Stoffwechsel-Bewegungsorganismus des betreffenden Menschen ausgeübt.[18] | |||
Man sieht, wie hier äußerlich Ausgeführtes sich gesundend in die Organe hinein fortsetzt, wenn einer Organerkrankung die bewegte Gebärde genau angepasst ist. ''„Weil diese Art, durch Bewegung in dem Menschen zu wirken, auf Körper, Seele und Geist geht, wirkt sie in intensiverer Art in das Innere des kranken Menschen hinein, als alle andere Bewegungs-Therapie.“[19]'' | |||
''„Es sind auch die praktischen Erfolge der Heil-Eurhythmie solche, dass man sie durchaus als ein segensreiches Glied unserer hier dargestellten therapeutischen Denkweise ansprechen kann.“[20]'' | |||
''Vgl. „Einleitung zu Band 15, Schriften zur Anthroposophischen Medizin, Kritische Edition der Schriften Rudolf Steiners“, frommann-holzboog Verlag, Stuttgart 2025[21]'' | |||
----[1] Rudolf Steiner, Ita Wegman, ''Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst'', GA 27. | |||
[2] Rudolf Steiner, ''Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes,'' GA 230. | |||
[3] Rudolf Steiner, ''Eurythmie als sichtbare Sprache (Laut-Eurythmie-Kurs),'' GA 279. | |||
[4] Rudolf Steiner, ''Der übersinnliche Mensch, anthroposophisch erfaßt,'' GA 231. | |||
[5] Rudolf Steiner, GA 133, 201, 202, 207, 208, 209, 219. | |||
[6] Siehe FN 3, S. 120. | |||
[7] Rudolf Steiner, ''Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie,'' GA 277a, ''Eurythmie als sichtbarer Gesang (Ton-Eurythmie-Kurs)'', GA 278, und ''Eurythmie als sichtbare Sprache (Laut-Eurythmie-Kurs), GA'' 279). | |||
[8] Vgl. Esterl (2012). | |||
[9] Vgl. Rudolf Steiner, ''Lucifer-Gnosis. Grundlegende Aufsätze zur Anthroposophie und Berichte aus den Zeitschriften „Luzifer“ und „Lucifer-Gnosis“'', GA 34 und ''Die Methodik des Lehrens und die Lebensbedingungen des Erziehens,'' GA 308 sowie Stockmeyer (2017) und Stein-von Baditz (2021), 32–35. (Letztere beiden sind online verfügbar unter: www.forschung-waldorf.de/publikationen/detail/ueber- die-paedagogische-eurythmie-fuer-unterrichtende-1/); [6.1.2025]. | |||
[10] Siehe FN 1, S. 88. | |||
[11] Siehe FN 1, S. 86. | |||
[12] Vgl. Neukirch (2016). | |||
[13] Vgl. Rudolf Steiner, ''Eurythmie als sichtbare Sprache (Laut-Eurythmie-Kurs)''. GA 279, 210. | |||
[14] Siehe Humanembryologische Dokumentationssammlung Blechschmidt: www.anatomie.uni-goettingen.de/de/humanembryologie.html. | |||
[15] Vgl. Rudolf Steiner zur Rolle von Schleier und Gewand in der eurythmischen Kunst in ''Eurythmie als sichtbare Sprache (Laut-Eurythmie-Kurs),'' GA 279, 131f. u. 298. | |||
[16] Siehe FN 1, S. 87. | |||
[17] Ebenda. | |||
[18] Inzwischen liegt eine gediegene Grundlagenliteratur zu Heileurythmie vor: Kirchner-Bockholt (2010); Kingeter und Schapink (2023); Armstrong (2016); H.-B. und E. von Laue (2016); Keller-Roth (2021); Barfod und Hachtel (2023). | |||
[19] Siehe FN 1, S. 88. | |||
[20] Ebenda. | |||
[21] In Band 15 der SKA findet sich auch das umfangreiche Literatur- und Referenzverzeichnis. Wer den Inhalt weiter vertiefen möchte, kann sich dort darüber informieren. | |||
== HEILEURYTHMIE – HERZ DER ANTHROPOSOPHISCHEN MEDIZIN == | == HEILEURYTHMIE – HERZ DER ANTHROPOSOPHISCHEN MEDIZIN == | ||
Version vom 25. Dezember 2025, 19:50 Uhr
Heileurythmie – von Michaela Glöckler
Auszüge aus Büchern und Vorträgen von Michaela Glöckler; Erstveröffentlichung auf https://www.anthroposophie-lebensnah.de/home/
ENTWICKLUNG UND WIRKWEISE DER HEIL-EURYTHMIE
Welche Verbindungen gibt es zwischen den Lauten unserer Sprache und dem Kosmos?
Inwiefern können Bewegungen heilsam wirken?
Wie und wann entwickelte sich die Heileurythmie?
Verhältnis von Makrokosmos und Mikrokosmos erfassen
In der Zeit vom 19. Oktober bis 11. November 1923 – die Arbeit „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“[1] hatte bereits begonnen – hielt Rudolf Steiner in Dornach Vorträge mit dem Titel: „Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes“.[2] Sein Anliegen war, dass das doch eher abstrakte Konzept, das der Mensch gegenüber dem Makrokosmos ein Mikrokosmos ist, und alle Gesetzmäßigkeiten der Welt in sich birgt, möglichst konkret erfasst würde.
Das Verhältnis von Makrokosmos und Mikrokosmos wird in der Eurythmie dadurch weiter konkretisiert, dass
- die Bewegungen für die Konsonanten in Beziehung gesetzt werden zu den Fixsterngruppen und ihren Formen, wie sie im Tierkreis zum Ausdruck kommen.
- Die Vokalgesten hingegen korrelieren mit den Planetenbewegungen und dem Charakter der einzelnen Planeten.
- Hinzu kommt, dass auch die Tierkreisbilder selbst in spezifischen eurythmischen Gesten zum Ausdruck gebracht werden
- ebenso wie den Planetenbewegungen als solchen eigene Gesten zugeordnet werden.[3]
Diese Bewegungsangaben für die eurythmische Kunst werden durch viele Vorträge zur Kosmologie ergänzt, die Rudolf Steiner in den Jahren der Entstehung und Entwicklung der Eurythmie hielt.[4]
1923 folgte vom 15. bis 18. November in den Haag der Vortragszyklus: „Der übersinnliche Mensch anthroposophisch erfasst“.[5] Auch dort kam Rudolf Steiner auf die Eurythmie zu sprechen und darauf, wie wenig die Menschen gegenwärtig noch fühlen, wie sie eigentlich beim Aussprechen von Vokalen ihr Gefühl für das, was sie sagen wollen, zum Ausdruck bringen, in den Konsonanten hingegen das jeweils konkret Sachliche, worum es geht: „Das Innere der Menschenseele bedeutet Vokale, Konsonanten bedeuten immer Formen.“[6]
Von der Eurythmie zur Heil-Eurythmie
Die Entwicklung von der Eurythmie zur Heil-Eurythmie vollzog sich in drei Schritten, auch zeitlich gesehen.
1. Neue Bewegungskunst
Die Entwicklung der Eurythmie begann im Jahr 1912. Zunächst ging es dabei um eine neue Bewegungskunst.[7]
2. Pädagogische Eurythmie
Nach dem Ersten Weltkrieg und mit der Begründung der Waldorfschule durch Emil Molt (1876–1936)[8] kam die pädagogische Eurythmie hinzu, für die Rudolf Steiner als pädagogischer Leiter der Waldorfschule dann einen Lehrplan für die Klassen 1–12 entwarf und auch für den Vorschulbereich Hinweise gab, wie hier mit den Kindern eurythmisiert werden kann.[9]
3. Heil-Eurythmie bzw. Eurythmie-Therapie
1921 entwickelte er – angeregt durch die an der Waldorfschule tätigen Eurythmistinnen – die therapeutische bzw. Heil-Eurythmie, heute auch Eurythmie-Therapie genannt. Diese neue Therapieform stellte er dann im Ärztekurs von 1921 dar, wobei die beiden Schuleurythmistinnen die Übungen demonstrierten. Dabei betonte er wiederholt, dass die Heileurythmie nicht ohne ärztliche Indikation und Begleitung durchgeführt werden sollte.[10]
Wie Bewegungen zustande kommen
„Alle Bewegungen beruhen auf der inneren Wesenheit der Menschen-Organisation. Aus dieser fließt in den ersten Jahren des menschlichen Lebens die Sprache. So wie sich nun der Laut in der Sprache der Konstitution des Menschen entringt, so können bei einer wirklichen Erkenntnis dieser Konstitution Bewegungen aus dem Menschen und aus den Menschengruppen herausgeholt werden, die eine wirkliche sichtbare Sprache oder ein sichtbarer Gesang sind.“[11]
In der Eurythmie und Heileurythmie werden nach Steiners Auffassung alle vier Wesensglieder zum Zusammenwirken aufgerufen:
- Die Bewegung muss aktiv gewollt sein – d.h. vom Ich aus bewusst gestaltet werden.
- Die astralische Organisation als Träger von Bewusstsein und Bewegung gibt dazu die Möglichkeit der Umsetzung.
- Die Bewegungsformen hingegen sind den Bildebewegungen des Ätherischen angepasst.
- Diese wiederum können im physischen Organismus Formbildung, Regeneration und Regulierungsprozesse anregen.
Dabei spielt auch die funktionelle Dreigliederung des Organismus eine wichtige Rolle, da die Sprachlaute mit ihren Bewegungsformen einen jeweils spezifischen Bezug zu
- den Nerven/Sinnesprozessen,
- den rhythmischen Vorgängen von Herz und Lunge
- und den Verdauungsprozessen im Stoffwechsel haben.
Da alle Bewegungsformen jedoch solche sind, die der Ätherleib seiner Natur nach als Wachstums- und Regenerationsbewegungen realisiert, kann man auch sagen, dass Ich-Organisation, astralische Organisation und die physische Organisation sich hier heilend in den Dienst der ätherischen Organisation stellen, diese in ihren Hauptfunktionen in Form von Wachstum und Regeneration zu stärken.
Die Bedeutung der Bildebewegungen
Elke Neukirch hat in einer aussagekräftigen Studie Steiners Differenzierung der pädagogisch-hygienischen, hygienisch-eurythmischen und hygienisch-therapeutischen Arbeit zur Darstellung gebracht.[12] Studiert man die Bewegungsformen der Sprach-, Laut- und Ton-Eurythmie, und bringt diese Bewegungsformen in Verbindung mit den Bildebewegungen im Verlauf der Embryonalentwicklung, so versteht man unmittelbar einen Kernsatz aus den Vorträgen über Heileurythmie, dass nämlich jede Form eine „zur Ruhe gekommene Bewegung“ sei.[13] Während die embryonalen Bildeprozesse Fließbewegungen zeigen, Aus- und Einstülpungen, Verzweigungen, aufeinander zulaufende Wachstumsbewegungen, Differenzierungsprozesse, Induktionsvorgänge und Integrationsprozesse, zeigen die definitiven anatomischen Formen die zur Ruhe gekommenen Bewegungen an.
Dem Göttinger Anatom und Embryologen Erich Blechschmidt (1904–1992) ist es zu verdanken, dass man diese – von ihm ‚Bildebewegungen‘ genannten – Phänomene heute im Großformat studieren kann im Anatomischen Institut in Göttingen, wo er stark vergrößerte Modelle der verschiedenen embryonalen Entwicklungsstadien herstellen ließ – bis heute eine vielbesuchte Dauerausstellung.[14]
AD 1. Grundelemente der (künstlerischen) Eurythmie
Während in der Gymnastik Bewegungen geübt und gepflegt werden, die sich aus der Statik und Dynamik des physischen Leibes ergeben, bedarf die eurythmische Bewegung des eingehenden Studiums der ätherischen Bildebewegungen, denen sich der physische Leib dann anzupassen hat.
In der künstlerischen Eurythmie kann in Form ‚sichtbarer Sprache und sichtbaren Gesanges‘ Dichtkunst und Musik zur Darstellung kommen. Zudem gibt es auch Ausdrucksformen für charakteristische Körperhaltungen und seelische Ausdrucksweisen.[15]
Jedem eurythmischen Laut sind in dem Zusammenhang drei Farbqualitäten zugeordnet, wodurch sich der seelische Ausdruck der Bewegungen weiter nuancieren lässt:
- Es gibt eine Farbe für die Bewegung als solche, sie wird durch die Farbe des Eurythmiekleides zum Ausdruck gebracht.
- Der Schleier, der über das Kleid geworfen wird und auch die Arme bedeckt, hat die Farbe der zugehörigen Gefühlsqualität.
- Der willenshafte Charakter, der Impetus, mit dem die Bewegungsform des Lautes gemacht wird, hat wiederum eine andere Farbnuance.
Wer Eurythmie studiert, weiß, wie lange es dauert, bis diese verschiedenen Seelenstimmungen von Bewegung, Gefühl und Charakter eines Lautes so stark empfunden werden können, dass sie über den Bewegungsausdruck auch für den Zuschauer sichtbar werden.
Zusammen mit der Bildhauerin Edith Maryon (1872–1924) gestaltete Rudolf Steiner Eurythmie-Figuren für die Hauptkonsonanten und Vokale sowie die Seelengesten und die Dur- und Mollstimmung, die diesen farbigen Dreiklang zeigen und das Studium erleichtern.
AD 2. Pädagogische Eurythmie
In der pädagogischen Eurythmie steht die Kunst im Dienst der altersgerechten körperlichen und seelischen Entwicklung: „Bei der Eurhythmie strömt sich der ganze Mensch, nach Körper, Seele und Geist in Bewegung aus. Das fühlt der heranwachsende Mensch, und er erlebt diese eurhythmischen Übungen mit ganz derselben Natürlichkeit als eine Äußerung der menschlichen Natur, wie er in jüngeren Jahren das Sprechenlernen erlebt.“[16]
AD 3. Heileurythmie
„Werden die Bewegungs-Gebärden der Kunst- und pädagogischen Eurhythmie modifiziert, so dass sie aus der kranken Wesenheit des Menschen so fließen, wie die anderen aus der gesunden, so entsteht die Heil-Eurhythmie.“[17]
Liegen Krankheitsprozesse vor, so entstehen abweichende Bildebewegungen, verstärkte, geschwächte, gestaute oder fahrige Bewegungsmuster. Praktizierende der Heileurythmie mit ausreichender Erfahrung gewinnen bereits aus dem Gangbild, aus der Art, wie der betreffende Mensch aufrecht steht und sich spontan bewegt klare Anhaltspunkte dafür, welche physiologischen Prozesse mithilfe der Heileurythmie zu regulieren sind. Dabei werden dann die indizierten Vokale, Konsonanten oder auch Ton- und Intervallbewegungen intensiv wiederholt und dadurch eine regulierende Rückwirkung auf den Stoffwechsel-Bewegungsorganismus des betreffenden Menschen ausgeübt.[18]
Man sieht, wie hier äußerlich Ausgeführtes sich gesundend in die Organe hinein fortsetzt, wenn einer Organerkrankung die bewegte Gebärde genau angepasst ist. „Weil diese Art, durch Bewegung in dem Menschen zu wirken, auf Körper, Seele und Geist geht, wirkt sie in intensiverer Art in das Innere des kranken Menschen hinein, als alle andere Bewegungs-Therapie.“[19]
„Es sind auch die praktischen Erfolge der Heil-Eurhythmie solche, dass man sie durchaus als ein segensreiches Glied unserer hier dargestellten therapeutischen Denkweise ansprechen kann.“[20]
Vgl. „Einleitung zu Band 15, Schriften zur Anthroposophischen Medizin, Kritische Edition der Schriften Rudolf Steiners“, frommann-holzboog Verlag, Stuttgart 2025[21]
[1] Rudolf Steiner, Ita Wegman, Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst, GA 27.
[2] Rudolf Steiner, Der Mensch als Zusammenklang des schaffenden, bildenden und gestaltenden Weltenwortes, GA 230.
[3] Rudolf Steiner, Eurythmie als sichtbare Sprache (Laut-Eurythmie-Kurs), GA 279.
[4] Rudolf Steiner, Der übersinnliche Mensch, anthroposophisch erfaßt, GA 231.
[5] Rudolf Steiner, GA 133, 201, 202, 207, 208, 209, 219.
[6] Siehe FN 3, S. 120.
[7] Rudolf Steiner, Die Entstehung und Entwickelung der Eurythmie, GA 277a, Eurythmie als sichtbarer Gesang (Ton-Eurythmie-Kurs), GA 278, und Eurythmie als sichtbare Sprache (Laut-Eurythmie-Kurs), GA 279).
[8] Vgl. Esterl (2012).
[9] Vgl. Rudolf Steiner, Lucifer-Gnosis. Grundlegende Aufsätze zur Anthroposophie und Berichte aus den Zeitschriften „Luzifer“ und „Lucifer-Gnosis“, GA 34 und Die Methodik des Lehrens und die Lebensbedingungen des Erziehens, GA 308 sowie Stockmeyer (2017) und Stein-von Baditz (2021), 32–35. (Letztere beiden sind online verfügbar unter: www.forschung-waldorf.de/publikationen/detail/ueber- die-paedagogische-eurythmie-fuer-unterrichtende-1/); [6.1.2025].
[10] Siehe FN 1, S. 88.
[11] Siehe FN 1, S. 86.
[12] Vgl. Neukirch (2016).
[13] Vgl. Rudolf Steiner, Eurythmie als sichtbare Sprache (Laut-Eurythmie-Kurs). GA 279, 210.
[14] Siehe Humanembryologische Dokumentationssammlung Blechschmidt: www.anatomie.uni-goettingen.de/de/humanembryologie.html.
[15] Vgl. Rudolf Steiner zur Rolle von Schleier und Gewand in der eurythmischen Kunst in Eurythmie als sichtbare Sprache (Laut-Eurythmie-Kurs), GA 279, 131f. u. 298.
[16] Siehe FN 1, S. 87.
[17] Ebenda.
[18] Inzwischen liegt eine gediegene Grundlagenliteratur zu Heileurythmie vor: Kirchner-Bockholt (2010); Kingeter und Schapink (2023); Armstrong (2016); H.-B. und E. von Laue (2016); Keller-Roth (2021); Barfod und Hachtel (2023).
[19] Siehe FN 1, S. 88.
[20] Ebenda.
[21] In Band 15 der SKA findet sich auch das umfangreiche Literatur- und Referenzverzeichnis. Wer den Inhalt weiter vertiefen möchte, kann sich dort darüber informieren.
HEILEURYTHMIE – HERZ DER ANTHROPOSOPHISCHEN MEDIZIN
Inwiefern kann Heileurythmie als das Herz der medizinischen Bewegung gesehen werden?
Heileurythmie und Bildebewegungen
Ein Grund, warum ich den Eindruck habe, dass die Heileurythmie das Herz der Anthroposophischen Medizin ist, hängt mit dem heutigen Medizinstudium zusammen: Das Medizinstudium ist durch und durch dem Geist der heutigen Zeit verpflichtet – einem Wissenschaftsverständnis rein materialistischer Art. Der Medizinstudent wird enorm belastet von all dem Wissen, das er im Grunde nicht versteht, nicht verstehen kann. Rudolf Steiner sagt über die Anthroposophie: „So sollen wir auf dem Wege der Anthroposophie ausgehen lernen von der Erkenntnis, uns erheben zur Kunst und endigen in religiöser Innigkeit.“ [1]
Das Belebende, das die Wissenschaft erlöst und verwandelt in echtes Verstehen, in intimes Begreifen, kann man ohne Eurythmie nicht kennen lernen. Warum? Weil Eurythmie das System der embryonalen Bildebewegungen ist.
Die Bildebewegungen des menschlichen Organismus kann ich nachahmen, indem ich Eurythmie mache. Ich kann sie aber in einem ersten Schritt auch nur denken: Ich kann einen Winkel, einen Punkt, eine Linie denken. Und dann kann ich das, was ich gedacht habe – Anthroposophie beginnt in allen Bereichen mit Wissen, mit dem Denken – auch tun, mit meiner ganzen Gestalt ausführen und erkenne: Mein Wille ist realisierter Gedanke. Ich trage wirklich die Schöpferkräfte dieser Welt in mir, nicht nur in meinem Denken als leibfreie ätherische Kompetenz, als ‚ewiges Leben', sondern eben auch als ‚vergängliches Leben', als Prozess, als Bildebewegung, als Geschehen, als Substanzprozess. Je mehr ich von diesen Prozessen erlebe, erfahre und verwirkliche, umso mehr sehe ich sie auch um mich herum und in anderen.
Gründe für Ausübung von Eurythmie in den Ausbildungen für Ärzte
Im Rahmen unserer Ärzteausbildungen haben wir folgende Gründe für die Ausübung von Eurythmie:
- die Schönheit von Eurythmie erlebbar zu machen
- den Ärzten auf diesem Wege einen Zugang zur Heileurythmie zu eröffnen
- Wahrnehmungsschulung durch Eurythmie anzubieten: Wer Eurythmie macht, lernt mit dem Herzen zu sehen, etwas sensibel zu verfolgen, z.B. einen Prozess an einer Pflanze.
Ihr könnt Euch kaum vorstellen, was für ein Augenöffner es ist, wenn man mit einer Gruppe von Ärzten, die das noch nie gemacht haben, in der allerersten Stunde der Ausbildung die geometrischen Grundformen übt – den Winkel, den Punkt, die Linie, den Kreis und die Parallelen, die sich im Unendlichen schneiden. Nachdem das eine Stunde lang geübt wurde, geht der Arzt hinaus in die Natur und sieht, wie Gott dort ‚geometrisiert’. Wie die Bäume unterschiedliche Gesten machen. Und dass es viele Punkte gibt, von denen ausgehend sich etwas ausdehnt – es fällt einem wie Schuppen von den Augen.
Die Prozesshaftigkeit wiederentdecken
„Jede Form ist eine zur Ruhe gekommene Bewegung", [2] sagt Rudolf Steiner. Mit diesem zur Erfahrung gewordenen Wissen kann ich alles, was sich gefügt und verfestigt hat, ebenso das, was sich kosmisch fügt, anschauen, auch eine Diagnose, und dabei die Prozesshaftigkeit, den Prozess der Menschengestaltung, empfinden. Von Heileurythmie und Eurythmie im Allgemeinen sagt Rudolf Steiner, dass sie den Willen wieder hereinbringen in die Menschheitsentwicklung. Sie bedeuten eine unermessliche Willensstärkung und Willenserziehung.
Auf der anderen Seite fördert Eurythmie das Denken mit dem Herzen, das mir offenbart, dass alles, was ich weiß, alles Gefügte und Geformte, ehemaliger Prozess ist und sich wieder verwandeln kann in Prozess, in Geschehen, in Metamorphose, in Entwicklung.
All das lernen wir im Medizinstudium nicht. Das müssten wir aber wissen, um Erkrankungs- und Gesundungsprozesse zu verstehen. Eurythmie hilft dem Arzt überhaupt erst Arzt zu werden. Denn ohne eine differenzierte Wahrnehmung des ätherischen Organismus kann man Anthroposophische Medizin gar nicht wirklich anwenden. Die eigene Erfahrung mit der Eurythmie und Heileurythmie ist der beste Weg, um die ätherischen Kräfte zu erfassen und handhaben zu lernen.
Herzenskultur als Medizin erkennen
Das Zentrum allen Ätherwirkens ist das Herz. Eurythmie ist nicht nur Willenserziehung, Willensoffenbarung und Leibergreifung, sondern auch reine Herzenssprache und Herzensoffenbarung. Das liegt nicht nur daran, dass die Eurythmie ihren Bildegesetzen nach dem Herzens-Lungen-Schlag entstammt. Es liegt vor allem daran, dass alles Künstlerisch-Prozesshafte mit dem Herzen gemacht werden muss. Man kann nicht ausdrucksvoll oder prozessorientiert Eurythmie machen, wenn man nicht mit dem Herzen dabei ist.
Was aber, wenn man nicht gelernt hat auf das eigene Herz zu hören, weil man nicht mit den eigenen Ängsten umgehen kann?
Wenn man immer Angst hat, etwas falsch zu machen?
Angst wird den Ärzten heutzutage antrainiert – immer auf der sicheren Seite zu sein. Dieses Angsttraining ist geradezu eine Gegenschule zu dem Wissen und der Tatsache, dass die einzig wahre Arznei Liebe ist. Angesichts dieser ahrimanischen Gegenschule der heutigen Zeit brauchen Ärzte die Heileurythmie und die Geisteswissenschaft, um das Liebesprinzip, die Herzenskultur, die einzig gesundende Arznei, wieder handhaben zu lernen.
Medizin und Heileurythmie brauchen einander
Das ist der Grund, warum es auch selbstverständlich ist, dass die Heileurythmie die Entwicklungsgeschichte der medizinischen Bewegung mit ihrer Hauptrepräsentantin Ita Wegman konsequent begleitet.
Das moderne Arzttum braucht Eurythmie, um sich öffnen zu können für das, was wirklich heilt, und um den kranken Organismus prozesshaft verstehen zu lernen. Dazu brauchen Ärzte auch das Gespräch mit den HeileurythmistInnen.
Die Tatsache des gegenseitigen Brauchens wird immer evidenter: Die HeileurythmistInnen müssen sich dazu durchringen, die Erkenntnisseite ihrer Therapie etwas mehr zu pflegen und die Ärzte müssen sich dazu bewegen lassen, von ihrem Wissensthron herunterzusteigen auf die Herzensebene. Sie müssen das, was sie wissen, auch wirklich verstehen wollen, indem sie es für sich in Prozess und Geschehen übersetzen und künstlerisch durchempfinden lernen.
Vgl. Vortrag „Vom Wesen der Heileurythmie als Herzorgan der Anthroposophischen Medizin“, Dornach, 1. Weltkonferenz für Heileurythmie, 30. Mai 2008
[1] Rudolf Steiner, Anthroposophische Gemeinschaftsbildung, GA 257, 1. Vortrag, 23.01.1923.
[2] Rudolf Steiner, Eurythmie als sichtbare Sprache, GA 279, 10. Vortrag, 10.07.1924.
ENTWICKLUNG DER HEILEURYTHMIE
Wie hat sich die Heileurythmie im Rahmen der anthroposophisch-medizinischen Bewegung entwickelt?
Welche Bereiche umfasst sie?
Aus der pädagogisch-therapeutischen Praxis entstanden
Heileurythmie, die therapeutische Eurythmie, arbeitet hochspezifisch, akkurat und genau. Rudolf Steiner setzte sie sehr bescheiden ein in den Vorträgen für die Ärzte und sagte, man werde nicht alles damit behandeln können, aber doch sehr vieles.
Das erste pädagogisch-medizinisch-anthroposophische Werk wurde von Rudolf Steiner 1907 herausgegeben, „Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft“.[1] Fast auf jeder Seite wird von „gesunder Entwicklung“ gesprochen, von „Gesundheit“, von der „Überwindung von Krankheitstendenzen“. Prävention in Form von Erziehung, später ergänzt durch Selbstschulung und Selbsterziehung, der Königsweg der Medizin – ist bereits über 100 Jahre alt.
Im Rahmen ihrer Tätigkeit in der Waldorfschule fragte Elisabeth Baumann, die zusammen mit Karl Schubert die Hilfsklasse betreute, Rudolf Steiner immer wieder um Rat im Zusammenhang mit schwierigen Kindern und bat um spezielle therapeutische und eurythmische Übungen. Sie bekam bereitwillig Antworten – die Heileurythmie entstand so aus der pädagogischen Praxis heraus.
Erna van Deventer-Wolfram verfolgte später die Angaben zur therapeutischen Eurythmie zurück bis ins Jahr 1915 und davor: Von Anfang an ist das Werden der Eurythmie begleitet von Abwandlungen für deren therapeutische Anwendung. Und immer werden auch Laienkurse angeboten und entwickelt sich das pädagogisch-didaktische Element.
Prophylaktisches und heilend-erzieherisches Element
Das prophylaktische und das heilend-erzieherische Element begleiten die Entwicklung der Anthroposophischen Medizin in ihrer zweiten Etappe. Es ist kein Zufall, dass Ostern 1921 der Heileurythmiekurs[2] gegeben wird – integriert in den zweiten Kurs für Ärzte. Es ist das Jahr, in dem im Juni die heutige Ita-Wegman-Klinik und in Stuttgart von Otto Palmer die Stuttgarter Klinik begründet wurden. Das markiert den Schritt in der Entwicklung der Anthroposophischen Medizin, durch den nun – seit 1920, dem ersten Medizinerkurs – die Krankheitslehre entwickelt wird.
Zusammen mit der Wissenschaft von der Krankheit wird auch die Heileurythmie als neue Therapieform systematisch entwickelt. Sie wird so vollständig dargestellt, dass Rudolf Steiner ein Jahr später, als er nochmals gebeten wurde, über Heileurythmie zu sprechen, sinngemäß sagte: Eigentlich habe ich bereits alles gesagt.[3]
Ich kenne das von keinem anderen Zusammenhang, dass Rudolf Steiner schlicht darauf hinweist, er hätte schon alles zu einem bestimmten Thema gesagt. In diesen Vorträgen ist eigentlich alles drin, auch wenn wir bei der Arbeit damit ständig Neues entdecken.
Tonheileurythmie und weitere Entwicklungen
Ich bin besonders glücklich darüber, dass im Rahmen unserer 1. Weltkonferenz für Heileurythmie auch die Tonheileurythmie vorgestellt wurde, über die Rudolf Steiner im Heileurythmiekurs nicht spricht, sondern sie in einem anderen Vortragszyklus ausführt. Es gehört zu meinen ganz großen Hoffnungen, dass durch die Demonstration der Qualität ‚Tonheileurythmie' die Botschaft in 32 Länder hinausgeht und sich dieser ‚Bazillus’ Tonheileurythmie in Form einer ansteckenden Gesundheit fortpflanzt und überall ansiedelt. Denn natürlich gehört zu dem vollständigen Keim, in dem bereits alles enthalten ist, auch das Rhythmisch-Musikalische.
Die Heileurythmie ist noch nach vielen Richtungen hin weiterzuentwickeln: In den Qualitäten der Farbe, der Form, der Musik, der Fülle der Rhythmen usw. liegen noch ungehobene Schätze verborgen. Auch diese historischen Zusammenhänge weisen darauf hin, dass die Heileurythmie, diese zutiefst menschliche Eurythmie, wie der Urgrund oder Urzugang zu einem spirituellen Verständnis der menschlichen Organisation ist. Ohne dieses Verständnis, lässt sich die Anthroposophische Medizin nicht denken und praktizieren.
Heileurythmie ist das Herzstück. Sie selbst ist der reine Ausdruck von Herzlichkeit: Herzlichkeit im Umgang mit der Welt, Herzlichkeit im Umgang mit den Menschen.
Vgl. Vortrag „Vom Wesen der Heileurythmie als Herzorgan der Anthroposophischen Medizin“, Dornach, 1. Weltkonferenz für Heileurythmie, 30. Mai 2008
[1] Rudolf Steiner, Die Erkenntnis des Übersinnlichen in unserer Zeit und deren Bedeutung für das heutige Leben, GA 55, 6. Vortrag.
[2] Rudolf Steiner, Heileurythmiekurs, GA 315.
[3] Ebenda, 8. Vortrag vom 28.10.1922.
MENSCHLICHE EURYTHMIE UND KEHLKOPF
Was bedeutet ‚menschliche Eurythmie‘?
Das Besondere an Kehlkopf und Gehör
Im ersten Vortrag des Heileurythmiekurses[1] finden wir nicht nur die Begriffe ‚hygienisch-therapeutische Eurythmie', ‚didaktisch-pädagogische Eurythmie', und ‚künstlerische Eurythmie‘, sondern auch den Begriff der ‚menschlichen Eurythmie'. Diese ‚menschliche Eurythmie’ entwickelt Rudolf Steiner am Kehlkopf. Sie ist jenseits von Kunst, Pädagogik und Therapie beheimatet – sie ist noch etwas viel Ursprünglicheres, Allgemeineres: Das rein Menschliche eurythmisiert im Kehlkopf, dem umgewendeten Hinterhaupt mit der Gehörregion.
Im Vortrag „Geisteswissenschaftliche Gesichtspunkte zur Therapie",[2] der dem Heileurythmiekurs vorgelagert ist, schildert Rudolf Steiner, warum die Kehlkopf- und Gehörregion so besonders sind: Es ist genau dieser Bereich, in dem der physische Leib am allermeisten er selbst ist.
Entwicklungsschritte des physischen Erdeninstrumentes
Der Mensch hat sich dort ein physisches Erdeninstrument geschaffen:
- Die Gehörpartie ist wie eine Erinnerung an den Saturnzustand, als der Mensch noch wie ein Ohr war und seinen eigenen Herzschlag hörte.
- Aus dieser Hör-Tätigkeit bildete sich dann das Wärmeorgan, das auf- und absteigt und pulsiert in den Wärmeformen des alten Saturn.
- Heute ist es physisch verdichtet und ganz ausgestaltet als unser Herz, das Zentralorgan des Menschen.
- Die Metamorphose der am stärksten ausgeprägten physischen Form, der Hinterhauptpartie, findet sich in umgewendeter Weise im Kehldeckel wieder.
- An ihn schließen sich Kiefer und Sprechwerkzeuge an und die dort wunderbar eingebauten Stimmbänder mitsamt den Stellknorpeln, diesen feinen, gliedmaßenähnlichen Gebilden. Alles, was wir in Worten artikulieren, wird dort in genau umgekehrter Form, rückwärts gewendet, aktiv ausgeführt.
Vokalismus des Kehlkopfs
Im Kehlkopf finden wir – neben dem konsonantischen Aspekt, der sich in den feinen Bewegungen der Stellknorpel und den Spannungszuständen unserer Stimmbänder offenbart – die Vokale archetypisch eingezeichnet, quasi in das Herz dieses 'zweiten Menschen' eingeschrieben:
- das A in der Form des Kehldeckels,
- das O in den schönen Ringknorpeln um die Trachea herum, unserer Luftröhre,
- dann die Parallelität des U im gesamten Aufbau des Kehlkopfes und seiner Anhangsorgane,
- aber auch physiologisch-anatomisch in den kreuz- bzw. E-förmigen Muskelzügen
- und schließlich das I im vertikal stehenden Kehlkopf selbst.
Im Kehlkopf finden wir alle Vokale anatomisch-physiologisch eingezeichnet. Daran können wir merken: In der Eurythmie wird nur sichtbar gemacht, was uns als Körpergeometrie bereits ‚eingestaltet’ ist.
Vgl. Vortrag „Vom Wesen der Heileurythmie als Herzorgan der Anthroposophischen Medizin“, Dornach, 1. Weltkonferenz für Heileurythmie, 30. Mai 2008
[1] Rudolf Steiner, Heileurythmiekurs, GA 315.
[2] Rudolf Steiner, Geisteswissenschaft und Medizin, GA 312, 1. Vortrag.
HEILEURYTHMIE BEIM KLEINKIND
Welchen unmittelbaren Bezug hat Heileurythmie zur Entwicklung des Kleinkinds?
Welche Bedeutung haben hier die Vokale?
Vokale und Inkarnationsbewegungen
In einer befreundeten Familie wurden zwei Kinder adoptiert: ein Säugling direkt nach der Geburt, dessen Mutter drogenabhängig war, und ein Kind, das schon einige Monate alt war. Bei beiden wurde von Anfang an Heileurythmie gemacht, jeden Morgen und jeden Abend – vor allem Vokale. Denn Vokale entsprechen den Inkarnationsbewegungen des Kindes im ersten Lebensjahr:
· Das „I“ als Bewegung
Die erste eigenaktive Bewegung direkt nach der Geburt, wenn der auf dem Bauch liegende Säugling den Kopf hebt und die Nackenmuskulatur streckt, entspricht dem „I”. Manchmal ist der Kopf so schwer, dass er bei diesem ersten Heben richtig wackelt. Im Laufe der Wochen und Monate kommt allmählich Spannung in die Muskulatur – das „I”.
Wer Eurythmie machen will, lässt sich zuerst ganz locker hängen und richtet sich dann langsam auf, bis er den Kopf ganz aus der Schwere befreit hat. Diese entscheidende „I”-Gebärde, die der Eurythmisierende zuletzt ausführt, ist beim Säugling die erste: Er ergreift seinen Leib zuerst in der Kopfregion. Was Kinder später mit Freude wiederholen, dieses Recken des Kopfes, wenn sie sagen können – Hier bin ich! – das haben sie als Erstes gelernt.
· Das „E“ als Bewegung
Sobald der Blick Gegenstände zu fixieren beginnt und die Sehachsen sich kreuzen, wird der nächste Laut errungen: Jetzt beginnt das Spiel mit den Fingern, die Selbstberührung, das gezielte Greifen – das „E”. Die Bewegungen des Kindes pendeln zwischen „E” und „I”, wobei das „I” immer gerichteter wird.
· Das „A“ als Bewegung
Allmählich öffnen und schließen sich auch die Arme; es dauert aber eine ganze Weile bis sie wirklich gerichtet geöffnet werden können – was dem „A” entspricht.
· Das „O“ als Bewegung
Nach dem „E” ist das „O” an der Reihe, z.B. beim Umarmen der Puppe.
· Das „U“ als Bewegung
Als Letztes wird mit der Parallelstellung der Beine das „U” errungen: Die Streckung der Beine ist mit sechs Monaten möglich; bis zum freien Stand im „U” dauert es meist noch ein halbes Jahr.
Was Vokal- und Konsonantenübungen bewirken
Vokal- und Konsonanten-Eurythmie ist ein hilfreiches Instrument, wenn man täglich damit arbeitet.
- Vokalübungen sind die Inkarnationshelfer des Ich par excellence. Durch sie „verselbsten” wir uns. Ein Erwachsener kann sein schwaches Selbstgefühl durch vokalisierende Eurythmie stärken. Mit Vokalübungen tun Sie den Kindern, aber auch sich selbst etwas Gutes – sie bringen ein Wohlgefühl in den Körper.
- Mit Hilfe von Konsonantenübungen, die im Stehen ausgeführt werden, kann das Gedächtnis verbessert und die Ausformung des Leibes unterstützt werden, können bei Kindern Fehlentwicklungen und Deformationen aufgelöst, kann anstelle dessen die richtige Form entwickelt werden.
Ich beobachtete in der oben erwähnten Familie, wie sich die beiden Kinder trotz ihrer problematischen Vorgeschichte gesund entwickelten. Es war sehr schön, es selbst zu beobachten und davon zu hören. Ich führe diese positive Entwicklung auf die Persönlichkeit der Kinder, der Eltern, aber auch auf die Wirkung der Eurythmie, der bewussten, aktiven Handhabung des Ätherleibes, zurück. Dem Kind wird mit der Eurythmie etwas Gesundendes, Heilendes angeboten.
Qualitäten der Vokale als Inkarnationshilfe
In einem Säuglingsraum wird manchmal Eurythmie gemacht, damit die Kraft der archetypischen ätherischen Leibergreifungsbewegungen auf die nachahmungsbereiten Kinder wirken kann.
Diese Wirkungen müssen wir selbst auch kennenlernen. Eurythmie entspringt der Bewegungsfreude, der Geschlossenheit des Ich, dem inneren Wesen der Laute: Wir können
- Bewunderung und Verehrung beim A empfinden
- Ehrfurcht beim E
- Selbstbehauptung beim I
- liebevolles Umgreifen und Geschlossenheit beim O
- „Ich suche mich im Geiste” beim U.
Diese Qualitäten rufen das Wesen des Kindes herein in den Leib und erfüllen die Seele über die Bewegung mit Freude.
Vgl. „Die Würde des kleinen Kindes“, 3. Vortrag, Kongressband Nr. 2, gelbes Heft
HEILEURYTHMIE ALS KÖRPERMEDITATION
Was ist unter Körpermeditation zu verstehen?
Meditative Aspekte der Heileurythmie
Die Heileurythmie hat einen rein meditativen Aspekt, aber auch den einer Körpermeditation. Denn jede Übung, die wir machen, können wir ebenso nur in Gedanken vollziehen. Wir können, wenn wir uns physisch nicht mehr gut bewegen können, dennoch die ätherischen Gliedmaßen bewegen. Das kann so stark wirken, dass man die Leibfreiheit seines aus dem kranken Organismus schon etwas herausgehenden Wesensgliedergefüges erlebt.
· Variante 1
Einige HeileurythmistInnen, Isabella de Jaager gehörte dazu, haben immer auch Meditationsübungen gegeben. Es sind Atemübungen, die aus der alten Esoterik stammten, wie z.B. die folgende:
„Die höchste Kraft des Geistes zieht mit dem Atem in mich ein.“
Auf diesen Satz, den man still und langsam für sich denkt, atmet man ruhig und entspannt ein.
„Alle Kraft ruht in mir.“
Auf diesen Gedanken und dessen Realisierung wird der Atem angehalten und ganz zur Ruhe gebracht.
„Von mir geht aus alles Gute, dessen ich fähig bin.“
Ruhiges Ausatmen, gefolgt von einer weiteren Ruhepause vor Beginn der nächsten übenden Einatmung.
Zu solch einer Meditationsübung sollte man sich entspannt und innerlich still hinlegen, man kann sie auch gut im Bett machen.
· Variante 2
Eine andere Möglichkeit der Durchführung nach Isabella de Jaager ist folgende:
Bevor man eine Übung macht, sollte man zunächst an die Körperstelle denken, dann sich ganz zart die heilende Bewegung vorstellen und daraufhin erst anfangen sich zu bewegen. Die Intensität der Bewegung kann man im Laufe der Übung steigern und immer weiter steigern und ausgestalten.
Am Ende der Bewegungssequenz sollte man wieder ruhig liegen und denken – „Ich habe bewegt“ – und sich dabei vorstellen, wie die Durchblutungssteigerung langsam wieder abnimmt und wie das, was man getan hat, von der bewegten Körperstelle aufgenommen und auch an andere Organe weitergegeben wird.
Vgl. Vortrag „Vom Wesen der Heileurythmie als Herzorgan der Anthroposophischen Medizin“, Dornach, 1. Weltkonferenz für Heileurythmie, 30. Mai 2008
